Mutter werden

Als ich das erste Mal Mutter wurde, wusste ich nicht, was auf mich zukommt. Ich war als eine der ersten im Freundeskreis schwanger und hatte daher wenig Beispiele und Ratschläge von außen. Ich genoss meine Schwangerschaft und es ging mir gut.

Mit der Geburt unser Tochter wurde ich zur Mutter.

Doch was macht eigentlich eine Mutter aus?

Bilder von Müttern gab es zu genüge, in den Medien, in der eigenen Familie und im Umfeld. Ich habe mich nie groß mit ihnen auseinander gesetzt. Erst als ich selber Mutter wurde, habe ich gemerkt, wie sehr sie mich geprägt haben, wie sehr sie in meinem Kopf verankert waren. Wie sehr das Bild, was in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit herrscht mein Bild vom Mutter sein geprägt hat. Das Bild des Mutter seins, dass mir von außen gezeigt wurde,  enthielt viele schöne Momente tiefster Verbundenheit, tiefster Liebe und Dankbarkeit. Ich sah lachende, entspannte Mütter die mit ihren Kindern gemeinsam die Welt entdeckten. Ich sah selbstbewusste Mütter, die die Balance zwischen Kindern und Karriere meisterten, die eine zufriedene und erfüllte Partnerschaft führten und dabei weder ihre Figur noch ihre Vitalität einbüßen mussten.

Und wie sah meine Realität aus?

Aber so, wie oben beschrieben, war es nicht. Es gab viele Momente des Zweifels, der Unsicherheit, der Sorgen und der tiefen Erschöpfung. Momente in denen meine Kraft nicht reichte, meine Geduld schon gar nicht und mir alles zu viel wurde. Ich wusste nicht, wie wichtig es ist, auf mich selbst zu achten und gut für mich selbst zu sorgen. Die Hebamme gab mir zwar den Ratschlag, ich solle mich hinlegen, wenn das Kind schläft, aber das tat ich nicht. Anstatt mich auszuruhen, habe ich oft die Zeit genutzt um noch schnell die Wäsche zu erledigen oder die Spülmaschine auszuräumen. Anstatt auf mich und meine Bedürfnisse zu schauen, habe ich versucht allen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich dachte, das würde eine gute Mutter ausmachen.

Was war der Wendepunkt?

Bis ich irgendwann nicht mehr konnte und das Bild der Mutter, die alles im Griff hatte nicht mehr spielen konnte und wollte. Bis ich lernen durfte, alles zu überdenken und ich meinen Weg wieder zurück zu mir selbst fand. Bis ich lernte Pausen zu machen, bewusste Entscheidungen zu treffen und meinen Akku präventiv immer wieder aufzuladen, bevor er im roten Bereich landete und kurz vorm totalen Leerstand war. Ich durfte spüren, wie wichtig es ist, gut für mich selbst zu sorgen und mich auch an meinen eigenen Bedürfnissen zu orientieren. Bekomme ich genug Schlaf? Habe ich gesund gegessen, getrunken und mich genug bewegt? Wie sieht es aus mit sozialen Kontakten? Habe ich genug Kontakt zu anderen Menschen, auch ohne Kinder? Bekomme ich genug Wertschätzung?

Wie Veränderung leben?

Ich habe mir bewusst Auszeiten gegönnt, in denen ich mich gefragt habe, wie es mir geht und was ich gerade brauchte. Ich habe mir Zeiten der Pause genommen, obwohl ich noch nicht aus dem letzten Loch pfiff. Ich habe mich bewusst hingesetzt, einen Tee getrunken und aus dem Fenster geschaut oder habe bewusst einen Spaziergang im Wald gemacht. Ich habe aufgehört direkt „Hier“ zu schreien, wenn sich mal wieder keiner beim Elternabend als Elternvertreter meldete. Ich habe Dinge outgesourct, an meinen Mann, die Familie oder Freunde. Und trotzdem war und ist es nicht immer leicht, mich zurück zu nehmen und loszulassen. Zu akzeptieren, dass die Dinge nicht nach meinen Vorstellungen liefen.
Ich musste meine Erwartung und meinen Perfektionismus loslassen. Wenn’s beim Papa immer nur Nudeln mit Tomatensoße gab, zum Beispiel. Oder nicht aufzuräumen, obwohl Besuch kam. Ich lernte wieder mehr auf mein Bauchgefühl zu vertrauen, was mir zeigte, was sich für mich richtig anfühlte und wichtig war. Ich fragte mich immer wieder, ob es jetzt gerade wirklich wichtig ist, zu putzen oder etwas anderes wichtiger ist. Und ich fragte mich, ob ich putze, weil ich es selbst wichtig finde und ich ein Bedürfnis nach Ordnung habe oder ob ich es machte, weil „man“ das eben macht. Insgesamt wurde ich mutiger für meine Bedürfnisse einzustehen. Mutig Nein zu sagen.