Wir haben doch schon so viele Privilegien, wir als Frauen und Mütter heute.
Es ist doch schon so viel erreicht für die Frauen in Sachen Gelichberechtigung und Emanzipation.
Und heute ist doch auch alles möglich als Frau und Mutter, Karriere und Kind oder lieber als Vollzeit-Mutter zu Hause.
Und seien wir doch mal ehrlich, wir Frauen, wir meckern ja nur und wollen doch auch gar nichts ändern.
Dann haben wir uns halt nicht genug angestrengt, es nicht genug gewollt, haben eine zu kurzen Rock getragen oder einen zu langen. Dann  waren wir zu fordernd oder zu still, waren zu zickig, waren zu laut oder oder oder…

Egal, wie wir uns entscheiden, es ist nie gut. Die Frau bleibt zu Hause und geht nicht arbeiten? Oh weh, die ist ja nur zu Hause.
Die Frau sorgt fürs Familieneinkommen? Ach herrje, die armen Kinder. Die Mutter ist ja nie da, kein Wunder, dass die Kinder leiden. Und der Vater, der ist doch total überfordert. Vielen Dank auch! Am Rande bemerkt, es ist nicht nur gegenüber uns Frauen ein diskriminierendes Schubladendenken, sondern auch den Männern gegenüber mehr als ungerecht. Traut man mit der Aussage den Männern offensichtlich nicht zu ausreichend für die Kinder sorgen zu können.

Egal wie wir es machen, es ist nie gut, nie gut genug

Alles ist möglich, alles ist machbar, alles ist vereinbar.
Aber aus welchem fragilen Stoff unser ganzes System aufgebaut ist, zeigt uns zuletzt die Corona-Pandemie.
Auf einmal wurden wir Frauen wieder in die traditionellen Rollenbilder zurück gedrängt. Der Mann verdient mehr? Die Frau arbeitet Teilzeit? Da ist ja schon klar, wer zu Hause die Kinder betreuen darf, wenn die Kitas und Schulen geschlossen haben. Oder noch besser, die Frau arbeitet einfach aus dem Homeoffice ihre Stunden ab, während sie parallel die Kinder betreut, beschult und bespaßt. Millionen von Müttern laufen seitdem auf dem Zahnfleisch, weil sie sich zerreißen zwischen Kinderbetreuung, ihrem Job und dem Leben als Frau und Mensch.

Vielen Dank für die Blumen

Und dem Bundesgesundheitsministerium fällt da nicht mehr ein als einen selten dämliches Videogruß zu senden, der der Mutter am Muttertag mal so richtig Danke sagt. „Am Sonntag ist Muttertag. Danke allen, die selbst in schweren Zeiten für schöne Erinnerungen sorgen.“ Wer sich selbst ein Bild machen will, kann das hier tun: https://www.youtube.com/watch?v=NW7OGHCnKm4. Aber stellt einen Eimer daneben.

Ganz ehrlich, wenn uns Herr Spahn in der Hoch-Corona-Lock-down Zeit besucht hätte, wäre er auf eine völlig chaotische, nicht geduschte Frau und Mutter gestoßen, die versucht Homeoffice, Home-Schooling und Kindergarten gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Die hochgradig gestresst und am Limit ist und ja, völlig überfordert mit all dem Multitasking! Da waren die schönen Momente ehrlicherweise äußerst selten!!! Es macht mich unglaublich wütend, wenn das nicht gesehen wird und noch extremer, von uns Müttern Dinge erwartet werden, die völlig abwegig sind. Als würden wir Mütter im größten Stress noch für schöne Momente sorgen können. Außerdem erhöht es den Druck, denn es suggeriert eine gute Mutter muss selbst in den stressigsten Situationen für schöne Momente sorgen.

Und außerdem, warum sorgt denn da die Mutter hauptamtlich für schöne Momente? Da war kein Vater zu sehen in dem Video. Der war sicher zur Arbeit. Und noch eine viel wichtigere Frage: wer sorgt denn dafür, dass wir als Mutter schöne Momente haben? Denn eine Mutter kann nur für schöne Momente sorgen, wenn es ihr gut geht, sie Unterstützung und Wertschätzung erfährt und nicht aus dem letzten Loch pfeift.

Ihr habt ja so gewollt!

Und jetzt sagt bloß nicht, wir hätten das ja alles so gewollt, als wir uns für Kinder entschieden haben!!
Ich wünsche mir wirklich, dass wir Familien, wir Eltern, wir Mütter und Väter mehr Wertschätzung und Unterstützung erfahren für das, was wir leisten. Auch in nicht Corona-Zeiten. Aber die Realität sieht doch oft eher so aus. Wildfremde Menschen drücken uns ungefragt ihre Kommentare auf, können es nicht lassen uns zu belehren, was wir falsch machen oder wir es besser machen können.

Wir Familien erfahren auch politisch wenig Unterstützung, sei es in finanzieller Hinsicht, in der Wohnungsnot, auf dem Arbeitsmarkt… Mit drei Kindern eine geeignete und bezahlbare Wohnung zu finden, grenzt an ein Wunder. All das verursacht Stress. Die Ausnahmesituation in der wir uns befinden und auch die Momente, wo unser Verhalten oder das unserer Kinder in Frage gestellt werden. So haben wir das Gefühl nicht zu genügen oder es nicht und niemanden recht machen zu können.

Eine Studie fand übrigens heraus, dass sich Stress eines Elternteils, der seine Emotionen unterdrückt Auswirkungen auf das Kind hat. Er übertragt den Stress auf das Kind. Die Kinder zeigen in der Studie sogar körperliche Reaktionen.*

Das heisst, wir können zwar so tun, als sei alles „easy going“, aber unsere Kinder bekommen es trotzdem mit. Das hat sogar Auswirkungen  auf ihre Gesundheit des Kindes.

*https://www.sciencedaily.com/releases/2020/04/200423154211.htm